Sir Archibald von der alten Eiche wohnt in meinem Kleiderschrank. Nach seinen beiläufigen Bemerkungen schon seit einigen Jahrzehnten.

Sir Archibald von der alten Eiche ist uralt und gastierte schon in unzähligen anderen Schränken und Kommoden, überall auf der Welt und seit nicht überschaubaren Zeiten. Er ist sozusagen ein Zeiten- und Schrankwanderer mit einem recht großen Erfahrungsschatz und weltmännisch offenem Blick für alles Seltsame und Abstruse.

Sir Archibald von der alten Eiche ist eine Art Holzwurm. Größer, dicker, behäbiger als die mir bekannten heimischen Vertreter.

Und nein, Er befindet sich nicht im Entwicklungsstadium zum Käfer. Irgendwie ist ihm dieser Weg wohl verwehrt. Genaueres weiß ich darüber noch nicht. Bisher verweigerte Er mir hierzu jedwede Auskunft und wird grummelig, wenn ich zu sehr auf dieser Frage rum reite. Darum lass ich es lieber. Denn ich mag nicht, wenn Sir Archibald von der alten Eiche schlechte Laune hat. Denn dann spricht Er nicht mehr mit mir. Und unsere Gespräche sind mir wichtig, sehr wichtig.

Sir Archibald von der alten Eiche ist mein Vertrauter, mein Mentor, mein Beichtvater, meine Klagemauer und vieles mehr. Mit Ihm bespreche ich all meine kleinen und großen Ideen, Gedanken, Einfälle. Ihm teile ich mein Durcheinander, meine Träume, meinen Ärger, meine Freude und meine Zweifeln mit. Er ist manchmal mein Mülleimer, meine Gedankenschale, meine Wiederaufbereitungsanlage. Manchmal und immer öfters, ist er mir aber auch Sparringspartner und nörgelnde Nervensäge.

Er hört zu. Er sammelt, schweigt, kommentiert ab und an mit spitzer Zunge und scharfem Verstand.

Meistens geht es mir besser nach unseren Gesprächen. Manchmal verspüre ich aber auch den Drang in die nächste Drogerie zu rennen und ein hundertprozentig wirksames Holzwurmmittel zu besorgen.

Immer dann, wenn Er mich nicht ausweichen lässt. Wenn Er mein so kuscheliges Selbstmitleid mit leicht hochgezogenen Augenbrauen und messerscharfer Logik in den Boden argumentiert oder Er mich mit Seinem unerbittlichen Blick durch Seine alte Nickelbrille davon abhält genüsslich in meine selbst inszenierten Weltschmerzdramen abzutauchen.

Sir Archibald von der alten Eiche ist mein Anker in all dem Chaos, das mein Leben ausmacht. Aber, Er ist nicht mein Freund. So viel Nähe würde Er als unverschämte und anmaßende Grenzüberschreitung von meiner Seite aus betrachten. Sir Archibald von der alten Eiche legt großen Wert auf Seine adelige Abstammung und ist, wohlwollend angemerkt, ein wenig hochnäsig und eingebildet. Seine Freundschaft verschenkt Er nicht nach dem Gießkannenprinzip und schon gar nicht blindlings oder gar hastig an so ein kurzlebiges Menschenwesen wie mich.

Wir kommen jedoch verdammt gut miteinander aus. Meistens.

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

„Frau Müller, ich dachte wir hätten die Wechseljahre jetzt hinter uns!“

„Ja klar, schon lange.“

„Und warum haben Sie doch wieder an Ihren Haaren rumgeschnipselt und gehellt?“

„Weil ich es kann?!“

„Ähm.“

„Da fällt Ihnen nix mehr Gescheites ein, oder? SIE können ja nicht können, weil da nichts ist zum Schneiden und Hellen. Sie könnten höchstens mal Ihren Spazierstock austauschen oder den Tabak in Ihrer Pfeife wechseln. Sind Sie jetzt neidisch?“

„Geben Sie mir bitte mal die Kaffeesahne rüber, danke.“

„Sie lenken ab, Sie oller Neidhammel! Kommen Sie, wir gehen nachher Stöckchen gucken. Ich lade Sie ein. Ein Stöckchen fürs Böckchen.“ *träller
"Sie sagen mir viel zu oft 'Alles wird gut!', Frau Müller."

"Na ja, wenn es noch nicht gut ist, dann war es eben noch nicht Alles. Dann kommt da noch was. Und dann ist es irgendwann halt gut."

"Und was ist mit dem Sterben?"

"Der Tod macht keine Unterschiede. Ihm sind alle gleich. Das ist doch gut, oder?"

"Aber das Sterben! Das Wie und das Warum ist hier doch nicht gleich. Zu viele verrecken elendig und sterben viel zu früh und aus den widerlichsten Gründen. Das ist nicht gut!"

"Richtig, das ist nicht gut. Das war aber auch noch nicht Alles. So viele Menschen, weltweit ringen doch darum, dass sich das ändert. Auch wenn es uns, die wir mitten drin stehen, oft nicht so erscheint, da bewegt sich doch langfristig eine Menge. Und irgendwann wird es anders und gut sein."

"Manchmal verstehe ich Sie nicht, Frau Müller!"

"Eben. War ja auch noch nicht Alles. Da kommt bestimmt noch was."
„Es regnet. Ich habe eine weiße Hose an. Muss ich die jetzt wechseln?“

„Sie haben ja Probleme, Frau Müller. Die Welt steht am Abgrund und Sie machen sich einen Kopf über ihre Hose. So wird das nichts mit der Weltrettung.“

„Ach ja? Drum geht es aber doch, oder? Meine Problemchen sind wichtig. Und wenn Sie und ich die nicht ernstnehmen, dann wird das auch nichts mit der Welt. Also, helfen Sie mir bei der Lösung, anstatt von oben herab rum zu philosophieren und meine Nerven zusätzlich zu strapazieren.“

„Der Regenradar sagt, dass ab neun Uhr der Regen vorüber gezogen sei. Da Sie von acht bis neun eh in den Öffentlichen sitzen, können Sie die Hose ruhig anlassen.“

„Na sehen Sie, geht doch. Fakten und klare, knappe Analyse derselben und schon ist alles gelöst. Und genauso geht das auch im Großen!“

„Regenschirm?“

„Nö, ich bin ja nicht aus Zucker.“
"Ich bin eine Heldin!"

"Ach, Sie sind ja nicht gerade eingebildet. Was haben Sie denn so Großartiges gemacht? Die Welt gerettet?"

"Ich habe, wie jedes Jahr im Sommer, die Biotonne sauber gemacht. Ohne zu kotzen. Ich betone, denn das ist quasi die Zertifizierung zum Heldentum, ohne mich vor Ekel zu übergeben!"

"Okay, ja, das ist allerdings irgendwie heldenhaft und wirklich ein Posting wert!"

"Sie wollen mich doch gerade verarschen, Sir, oder?"
„Ein guter Mensch zu sein, immer wieder mit sich drum ringen und sich so zu verhalten, ist doch ein schöner Lebenssinn.“

„Und wer definiert gut? Sie wissen doch, Frau Müller, dass das Gute immer in einem bestimmten historischen, kulturellen, ethnischen und wirtschaftlichen Kontext definiert wird. Gestern war das gute so, heute so, morgen so. Hier so und dort ganz anders. Also doch eher ein seltsam schwammiges Lebensziel.“

„Jesses, muss alles zerredet, durchgekaut, analysiert werden? In allen Zeiten und an allen Orten gab es schon immer ein ganz einfaches Mittel für den einzelnen Menschen festzustellen, was gut sei: Will ich, so wie ich es tue, von einem anderen Menschen behandelt werden? Nein? Dann kann es nicht gut sein. Ja? Dann ist es gut und ich verhalte mich dementsprechend. Da brauchst du kein Studium und keine Wissenschaft dafür.“

„Sie sind aber reichlich naiv.“

„Ja, dann bin ich das. Mit geht es gut damit und meinen Mitmenschen auch. Das langt.“
"Immer mehr gute Artikel und Berichte verlangen Anmeldung und Bezahlung. Ich weiß, dass dies für viele potentielle Leser*innen eine hohe Hemmschwelle darstellt. Warum kann man eigentlich nicht sowas einführen wie bei Kaffee und Brot: Ich bezahle für einen Leser mehr und jemand kann dann den Artikel kostenlos abrufen."

"Sehr gute Idee, Frau Müller! Das ist technisch bestimmt machbar. Ich melde hiermit das Copyright bzw. das Patent für dieses System an!"

"Sie oller Schlawiner, Sie!"
„Was trällern Sie denn da schon den ganzen Morgen vor sich hin, Frau Müller?“

„Die Kirschen in Nachbars Garten….“

„Ach, Sie mögen neuerdings Schlager?“

„Nöh, ich sah nur gestern die aktuellen Preise für dieses Sommerobst. Zwischen sechs und acht Euro kostet ein Kilogramm Kirschen aus Deutschland.“

„Ein Motivationssong also, verstehe.“